Kein Augenmaß beim Umgang mit der Vogelgrippe
ein Bericht von Karin Ulich,
Mitglied der Tierversuchsgegner Berlin und Brandenburg
und Leiterin des Kontaktbüros Bodensee des Vereins - Tier und Mensch e.V. -
Menschen und Geflügel lebten schon immer mit Infektionen, auch mit der
Vogelgrippe, der „Hühnerpest“, ohne sich groß darüber aufzuregen oder
dagegen aufzurüsten. Warum also diese Katastrophen- Stimmung angesichts
des H5N1-Virus? Weltweit sind daran in mehr als zwei Jahren von 6,5
Milliarden Erdenbürgern etwa 80 Menschen gestorben. Menschen, die meist
in bitterer Armut und Schmutz in Tropenklima eng zusammen mit dem
Geflügel lebten.
Wie groß ist wohl rechnerisch das Risiko, dass sich hier in Deutschland ein Mensch in den nächsten Jahrhunderten infiziert??
Eine Infektion von Mensch zu Mensch gibt es sowieso nicht und ist eine theoretische Idee.
Warum aber spricht keiner davon, dass allein in Deutschland täglich 300
Menschen an den Folgen des Rauchens sterben, auch Hunderte an falscher
Ernährung, z. B. durch übermäßigen Fleischkonsum. Auch an
Lebensmittelvergiftungen, z. B. Salmonellen, gibt es jährlich mehr als
1000 Tote in Deutschland.
Warum also wird das Thema derart hochgespielt? Hilflos erstarrt lassen
wir es geschehen, dass in ethisch unverantwortlicher Weise sogar
gesunde Tiere zu Tausenden „gekeult“ werden. Das heißt, sie werden
elektrisch getötet oder mit sogenannten „Einschläferungs-Maschinen“ mit
Kohlendioxid erstickt, was Todesangst erzeugt und etwa eine Minute Qual
bedeutet. Es wäre möglich, zu impfen, aber das würde dem Export
schaden, weil die vom Tier gebildeten Schutzstoffe (Antikörper) denen
der Vogelgrippe gleichen würden. Doch muss man denn überhaupt auf den
Export von Geflügel setzen? Werden in Deutschlands Fabrikställen nicht
viel zu viele Federtiere gehalten?
Auch dort, wo die Vogelgrippe noch gar nicht aufgetaucht ist, wird das
Geflügel in die Ställe verbannt, wo es in Stress und Enge seine
Abwehrkräfte einbüßt. Jeder medizinisch geschulte Mensch weiß aber,
dass das Vogelgrippe-Virus nur dann gefährlich ist, wenn es auf
immungeschwächte Vögel trifft. Neben den durch den harten Winter
ausgezehrten Wasservögeln an der Ostsee trifft das aber ganz besonders
auf die Hühner, Enten und Puten in den Massentierhaltungen zu, die zu
Tausenden in oft dunklen Ställen dicht gedrängt bewegungslos im
Dauerstress und mit Schmerzen dahinvegetieren. Sie stecken sich rasant
alle an, wenn ein Virus auftaucht, denn sie haben ein völlig
unzureichendes Abwehrsystem. Und sie bieten dem Virus auf dem Weg von
einem Opfer zum nächsten eine Spielwiese ungeahnter Mutationschancen!
Und so sind diese Fabriktierhaltungen Zeitbomben der Seuche. Ganz im
Gegensatz zu robusten Freilandtieren, wenn sie in kleinen Gruppen an
der frischen Luft gehalten werden und wenig anfällig für eine Infektion
sind.
Ich kann angesichts der logischen Widersprüche nur
folgern, dass es alleine um die wirtschaftlichen Interessen der
Geflügel-Industrie geht. Mit dem ganzen Aktionismus soll offenbar davon
abgelenkt werden, dass einzig die Geschäfte mit dem Geflügel aus
Massentierhaltung geschützt werden sollen!
Der Gefahr kann meiner Meinung nach langfristig nur durch eine
konsequente Politik der „Agrarwende“ entgegen gewirkt werden, so wie
Frau Künast es in Ansätzen durchsetzen konnte und gerne ausgebaut
hätte. Unsere neue Regierung setzt jedoch ganz auf Massentierhaltung
mit noch größeren Beständen auf noch engerem Raum und fährt die
Unterstützung der Biobauern unverantwortlich zurück. Damit wächst die
Anfälligkeit für Seuchen aller Art in diesen Tierfabriken und damit die
Ursache des ganzen Elends.
Wir als Verbraucher können aber unserer Ohnmacht ein Ende setzen:
Lautstark sollte jeder von den verantwortlichen Politikern fordern,
dass die artgerechte, biologische Freilandhaltung unterstützt und die
Tierquälerei in den Fabrikställen verboten wird. Auch unser
Einkaufsverhalten kann der abartigen Tierproduktion den Boden
entziehen: Wenn wir kein billiges Geflügelfleisch oder billige Eier
kaufen, sondern höchstens in geringen Mengen Produkte aus ökologischer
Haltung, zeigen wir, dass wir es ernst meinen.
Zur Zeit wird die Entwicklung leider ganz im Interesse der
Agrar-Industrie in die verkehrte Richtung getrieben: Immer mehr
Menschen, die ihr Geflügel bisher artgerecht im Freiland gehalten haben
verlieren angesichts der Probleme, die durch die Stallpflicht
entstehen, den Mut und geben auf.