...weil wir keine Ratten sind - Irrwege der Alkoholforschung
Nachfolgestudie:

Forschungsergegnisse
2001 - 2005
Anlässlich des in Berlin stattfindenden 15. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Suchtmedizin vom 03. – 05.11. legen die Tierversuchsgegner eine wissenschaftliche Auswertung der Ergebnisse von fünf Jahren Alkoholforschung (2001– 2005) an Tieren in Deutschland vor. Dies ist die Fortsetzung einer bereits im April 2002 veröffentlichten Studie, die sich mit der tierexperimentellen Alkoholforschung von 1990 bis 2000 befasst.
„15 Jahre extremste Tierqual – ohne Nutzen für den Menschen“ fasst die 1. Vorsitzende der Tierversuchsgegner Berlin und Brandenburg, Brigitte Jenner, das Ergebnis der Untersuchungen zusammen. „Es geht uns darum, die Grausamkeit und gleichzeitige Sinnlosigkeit dieser Versuche zu dokumentieren, es geht uns nicht darum, das Problem des Alkoholismus und anderer Süchte herunterzuspielen“, so Brigitte Jenner. “Den betroffenen Menschen soll und muss geholfen werden, es geht um das „wie“; der Tierversuch ist der falsche Weg! Wenn immer mehr Einschränkungen im Therapiebereich vorgenommen werden, ist die finanzielle Förderung einer Alkoholforschung mit Tieren als patientenfeindlich zu bewerten“.
Die Dokumentation: „Weil wir keine Ratten sind... - Irrwege der Alkoholforschung“ Forschungsergebnisse 2001 – 2005 wird am 03. Nov. 2006 erstmalig der Öffentlichkeit vorgestellt. Die Tierversuchsgegner erhoffen sich, auf diesem Suchtkongress eine konstruktive Diskussion zu führen, wie Gelder sinnvoller in die dort vorgestellten Projekte und Arbeitsgruppen eingesetzt werden können, um den kranken Menschen zu helfen, und nicht in sinnlose Forschungen, die bisher nur der Karriere der Wissenschaftler, aber nicht den Betroffenen dienten.
Hintergrundinformation zur Studie
„ …weil wir keine Ratten sind – Irrwege der Alkoholforschung“
Alkoholabhängigkeit hat wie andere Substanzabhängigkeiten einen erheblichen Krankheitswert. Abgesehen von den schwerwiegenden individuellen Folgen für Alkoholkranke wie körperliche und psychische Schäden und letztendlich soziale Isolation, entsteht auch der Öffentlichkeit ein erheblicher volkswirtschaftlicher Schaden, etwa durch Kosten für alkoholbezogene Krankheiten oder Frühberentungen.
Um bessere und erfolgreichere Behandlungs- und auch Präventionsstrategien anbieten zu können, ist die weitergehende Erforschung dieser Krankheit erforderlich. Die Frage ist jedoch, mit welchen Methoden man zu diesem Ziel kommen kann. Im Hinblick auf diese Fragestellung wurden, die 2002 veröffentlichte Studie „…Weil wir keine Ratten sind – Irrwege der Alkoholforschung“ fortführend, Tierversuchsstudien und Übersichtsartikel aus wissenschaftlichen Fachzeitschriften aus den Jahren 2001 bis 2005 einschließlich ausgewertet. Wiederum konnte festgestellt werden, dass durch die tierexperimentelle Alkoholforschung keine nutzbaren Erkenntnisse für die klinische Medizin und damit für betroffene Menschen gewonnen werden konnten.
Diese Feststellung basiert auf dem Studium wissenschaftlicher Veröffentlichungen
- zu Versuchen zur Alkoholabhängigkeit an sich,
- zu Versuchen zu Alkoholwirkungen auf periphere Organe und Möglichkeiten deren pharmakologischer Beeinflussbarkeit und
- zu zusammenfassenden Erkenntnissen in unterschiedlichen Bereichen der Alkoholforschung.
Abgesehen davon, dass im Rahmen der tierexperimentellen Suchtforschung unzählige Tiere unvorstellbar leiden und diese Art der Forschung schon aus diesem Grund abzulehnen ist, weist sie auch erhebliche medizinische und methodologische Defizite auf.
Versuche, die zur Alkoholabhängigkeit, also zu der psychischen Sucht, durchgeführt werden, befassen sich mit der Untersuchung
- von Auswirkungen des Erbguts – in diesem Rahmen werden vermehrt gentechnisch veränderte Tiere eingesetzt - ,
- von Umwelteinflüssen, deren wechselseitiger Beziehung, dem Erforschen molekularer Mechanismenim Gehirn und der Untersuchung von Möglichkeiten der pharmazeutischen Intervention.
Diese Versuche werden häufig an sogenannten "Tiermodellen", die speziell zur Erforsucng der Sucht entwickelt wurden, durchgeführt.
Suchtverhalten entsteht nur auf der Basis freiwilliger Drogeneinnahme.Als Konsequenz ist eine notwendige Vorbedingung für ein „Tiermodell“, das Aspekte der menschlichen Alkoholabhängigkeit nachahmen soll, die freiwillige Aufnahme von Alkohol durch die Tiere. Angesichts der den Bedürfnissen der jeweiligen Tierarten komplett zuwiderlaufenden Haltungsbedingungen, wie sie im Labor üblich sind und die für die Tiere einen extremen Dauerstress darstellen, von Freiwilligkeit zu sprechen, erscheint jedoch mehr als fraglich. Vielmehr scheint es sich bei dem Alkoholkonsum, der unter diesen Bedingungen beobachtet wird, um eine Bewältigungsstrategie zu handeln, mit diesen permanenten artwidrigen Umständen umgehen zu können.
Sucht wird gemäß Spanagel und Heilig (2005) am besten als ein behaviorales Syndrom definiert, das durch kompulsives Verlangen nach der Droge mit wiederholten Rückfällen charakterisiert ist. Körperliche Abhängigkeit und Entzugssymptome müssen streng vom Suchtverhalten getrennt werden, da ein Individuum von einer Droge körperlich abhängig sein kann, ohne süchtig zu sein und umgekehrt. Dies ist im Hinblick auf die in der Sucht- und somit auch in der Alkoholforschung eingesetzten „Tiermodelle“ von großer Bedeutung: dort werden die Tiere im Verlauf der Versuche körperlich abhängig – ob wirklich eine psychische Abhängigkeit, die jener des Menschen entspricht, besteht, muss bezweifelt werden. Beim Menschen nimmt die Entwicklung einer Sucht Jahre bis Jahrzehnte in Anspruch – wie soll ein solch lang dauernder Prozess, dem zudem ein komplexes, naturgemäß individuell unterschiedliches Zusammenwirken genetischer und umweltbedingter Komponenten zugrunde liegt, bei Tieren unter standardisierten Laborbedingungen innerhalb von Wochen oder Monaten nachgeahmt werden können?
Angesichts der auch von Experimentatoren anerkannten Tatsache, dass Sucht eine einzig auf den Menschen bezogene Erkrankung ist, für die kein tierisches Analogon existiert, ist dies mehr als zweifelhaft. Der Nutzen solcher „Modelle“ für die Erforschung des Alkoholismus des Menschen und sich daraus ergebender Behandlungsmöglichkeiten ist somit nicht gegeben. Trotzdem wird von den tierexperimentell arbeitenden Forschern eisern daran festgehalten.
Zusätzlich gewinnt man den Eindruck, dass innerhalb des Systems der tierexperimentellen Forschung eher eine Art Konkurrenz zwischen den einzelnen Forschergruppen besteht als konstruktive Zusammenarbeit. So scheint ein Austausch der Ergebnisse aus Studien nicht oder nur wenig stattzufinden, desweiteren werden teilweise Resultate, die nicht mit den eigenen Beobachtungen übereinstimmen, einfach ignoriert. Ein Beispiel hierfür sind die Versuche zur Reproduzierbarkeit eines bestimmten „Tiermodells“ zur Sucht. Drei Dissertationen, die sich mit der Reproduzierbarkeit dieses Modells zur Verhaltensabhängigkeit von Ratten in Bezug auf Alkohol und das Opiat Etonitazen befassten, konnten es in verschiedenen Versuchen nicht nachvollziehen, das heißt, keines der für dieses Modells aufgestellten Kriterien einer Verhaltensabhängigkeit wurde erfüllt. Trotzdem erwähnt der Forscher, der dieses „Tiermodell“ entwickelt hat, in einem später veröffentlichten Übersichtsartikel die Resultate dieser Dissertationen mit keinem Wort. Stattdessen wird der Eindruck erweckt, als ob das besagte „Modell“ immer noch ein geeignetes „Werkzeug“ für die Suchtforschung sei.
Das steht in diametralem Gegensatz zu dem Antrieb, der eigentlich hinter der Alkoholismusforschung stehen sollte: den betroffenen Menschen von Nutzen zu sein. Leidtragende dieser Missstände sind unzählige Tiere, die für diese Art der Forschung sterben und zuvor unvorstellbar leiden müssen.
Auffallend ist außerdem, dass in Diskussionen zu verschiedenen Versuchen darauf hingewiesen wird, dass die gemachten Beobachtungen beispielsweise nur für eine ganz bestimmte Rattenlinie gelten und nicht unbedingt auf andere Rattenlinien übertragbar seien. Wie sieht es dann wohl erst mit der Übertragbarkeit auf den Menschen aus, der sogar einer anderen Spezies angehört und nicht unter standardisierten Laborbedingungen lebt?
Die viel gepriesenen und zunehmenden Versuche mit gentechnisch veränderten Tieren, beispielsweise so genannten Knockout-Mäusen, sind ganz besonders vorsichtig zu interpretieren. Neben dem erheblichen Tierleid, das mit der „Produktion“ der Knockout-Mäuse verbunden ist, ist die Aussagekraft solcher „Modelle“ - entgegen der Meinung vieler Tierexperimentatoren - äußerst beschränkt.
Die möglichen Konsequenzen einer Genausschaltung im Verlauf der Ontogenese werden nicht berücksichtigt. Dieser Eingriff in das Genom kann sich vielfältig auf die Entwicklung des Tieres auswirken. Ausgleichende Mechanismen des Organismus, die den Effekt der Genausschaltung maskieren könnten und somit eine Aussagekraft unmöglich machen, sind nicht auszuschließen. Die Genausschaltung ist durch den Zeitpunkt der Manipulation auch unspezifisch, d.h. das Gen ist später in allen Geweben inaktiviert, nicht nur in dem interessierenden Gewebe (
z.B. bestimmte Gehirnbereiche). Desweiteren kann die Ausschaltung eines Gens zu einer Unterbrechung einer gesamten Signalkaskade führen. Jedes Gen, dessen Produkt ober- oder unterhalb desjenigen des ausgeschalteten Gens in dieser Kaskade liegt, könnte ursächlich bei der Beeinflussung des Alkoholtrinkverhaltens sein - hier eine Aussage zu treffen, erscheint also kaum möglich.
In einem Übersichtsartikel zum Einsatz transgener Mäuse in der Suchtforschung liest man dann auch:
„...die Ergebnisse der bisher durchgeführten Studien mit transgenen Mäusen hatten keinen großen Einfluss auf bessere Behandlungsstrategien gegen Rückfälle.“ (Spanagel, Sanchis-Segura 2003 ).
Um dem Leser einen tieferen Einblick in die tierexperimentelle Suchtforschung zu verschaffen, werden exemplarisch einzelne Versuche zu verschiedenen Bereichen der Alkoholforschung, in denen die oben dargelegten Defizite besonders deutlich werden, in einem eigenen Kapitel genauer beschrieben und kritisch betrachtet.
Mit dieser Studie und ihrer Vorgängerin wurden nun insgesamt 15 Jahre tierexperimenteller Alkoholforschung beleuchtet.
Fazit: Relevante Ergebnisse fü die klinische Medizin und damit für betroffene alkoholkranke Menschen konnten durch diese Art der Forschung nicht erzielt werden. Die Gelder, die reichlich in die tierexperimentelle Alkoholforschung fließen, wären an anderen Stellen weitaus sinnvoller und besser angelegt. So gilt es, die vielzähligen Möglichkeiten der Forschung an gesunden und kranken Menschen, die Untersuchung pathologischen Materials und sogenannte in-vitro-Verfahren voranzutreiben, die tatsächlich aussagekräftige und für den Menschen nutzbare Ergebnisse liefern und zudem ethisch unbedenklich sind. Diese Forschungsansätze werden im Kapitel „Diskussion“ skizziert.
Angesichts des gewaltigen Interessenapparates, der hinter der tierexperimentellen Forschung steht - angefangen vom Tierzüchter über die Futtermittel-, Käfig- und Zubehörhersteller, das Tierpflegepersonal bis hin zu den Forschern, die schon in ihrer Ausbildung keine anderen Methoden kennen gelernt haben – erscheint es fast aussichtslos, irgendwann einen Paradigmenwechsel hin zu tierversuchsfreier, sinnvoller Forschung herbeiführen zu können.
Ziel der Studie ist es, dem Leser einen Einblick in das System der tierexperimentellen Alkoholforschung zu verschaffen und deren erhebliche ethische, medizinische und methodologische Defizite deutlich zu machen. Sollte sie dadurch zu einem Umdenken im oben genannten Sinne beitragen, so hätte sie ihren Zweck erfüllt.
Karolin Koch (Tierärztin)
Die Studie kann für 2.50 EURO inkl. Portokosten bestellt werden unter:
jenner@tierversuchsgegner-berlin-brandenburg.de
Bitte informieren Sie sich auch unter
www.versuchstier-des-jahres.de