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Argumente gegen das Töten von Tieren
Der Schweizer Philosoph Jean-Claude Wolf
über das Verhältnis zum Tier in der Alltagsmoral
Jean-Claude Wolf, geboren 1953, ist ein international renommierter Theoretiker der Tierrechtsbewegung. Der Professor für Ethik und politische Philosophie lehrt an der Universität Fribourg (Schweiz). Sein 1992 erschienenes Buch "Tierethik" gehört inzwischen zu den Standardwerken innerhalb der Diskussion um die ethischen Ansätze im Verhältnis Mensch-Tier.
Der Journalist Ingolf Bossenz (B) sprach mit dem Philosophen Wolf (W) und veröffentlichte das Interview in der Tageszeitung "Neues Deutschland" Ausgabe 20./21.Juni 98Leben wir in einer Kultur des Tötens?
B.: Um unsere alltäglichen Ansprüche zu befriedigen, sterben zahllose Tiere - für Nahrung, Kleidung, medizinische Versorgung und anderes. In Deutschland werden pro Jahr rund 400 Millionen Tiere geschlachtet, Fische nicht eingerechnet. In den USA sind es 5 Milliarden. Rund 100 Millionen Säugetiere weltweit werden in derselben Zeit in Versuchslabors "verbraucht". Leben wir in einer Kultur des Tötens?
W.: Daß Tiere getötet werden, wird ebenso wie ihre anderweitige »Nutzung« gar nicht als problematisch erkannt. Ihre Behandlung ist ein ethischer Sonderfall. Gerade in jüngster Zeit wurde die Bereitschaft deutlich, große Bestände von Tieren zu töten, um beispielsweise Preis- oder Marktsicherheit herzustellen. Diese Massentötungen sind in der öffentlichkeit fast nie problematisiert worden. Für mich ist das ein Indiz, daß dieses administrative, massenhafte Töten von Tieren nicht als Problem wahrgenommen wird.
B.: Wo sehen Sie die Ursachen dafür?
W.: Unsere Alltagsmoral ist in der Frage der Tötung von Tieren nicht eindeutig. Wir haben eher die Tendenz, das als ein unbedeutendes Problem zu betrachten, und häufig wird ja auch gesagt, man soll nicht »unnötig« Tiere töten. Aber gerade der Begriff »unnötig« hat sich immer wieder als ein Gummibegriff erwiesen, den man eigentlich sehr schwer fassen kann. Wann beginnt das notwendige und wann das überflüssige Töten? Hier eine Grenzlinie zu ziehen, scheint unserem Alltagsverstand offenbar sehr schwer zu fallen. Thomas von Aquin hatte beispielsweise ein eigenes Wort für »Menschentötung«: homicidium. Damit wurde die Formulierung einer Ethik des Homizids - isoliert von der Bewertung der Tötung von Tieren - wesentlich erleichtert. Tiere sind zudem nicht in der Lage, uns mit Sanktionen zu bedrohen, und das, was wir ihnen antun, scheint die Rechtssicherheit unter Menschen ja nicht zu berühren.
B.: Aber dennoch werden Leiden und Tod der Tiere streng abgeschirmt.
W.: Auch andere verabscheute Dinge und Handlungen sind dem Blick der öffentlichkeit entzogen. In der Psychiatrie, im Strafvollzug und in der Massentierhaltung werden Vorgänge im Verborgenen bürokratisch verwaltet, deren Anblick wir nicht ertragen, obwohl wir auf ihre Vorteile nicht verzichten wollen. Damit schont man nicht die Exilierten - also zum Beispiel die in Versuchslabors und Tierfabriken vegetierenden und sterbenden Tiere -, sondern die Gefühle der sogenannten Verbraucher.
B.: Um das Töten von Tieren zu rechtfertigen, sind die Gründe zahlreich. Den "vernünftigen Grund" finden wir im deutschen Tierschutzgesetz. Welche Gründe gibt es denn - gar "vernünftige" - Tiere nicht zu töten?
W.: Da ist vor allem der Respekt vor Wesen, die uns in elementarer Hinsicht verwandt sind. Zudem müssen wir davon ausgehen, daß Tiere eigene Wünsche und Interessen haben. Bei Lebewesen, die solche Interessen nicht haben, Pflanzen beispielsweise, ist solche Rücksichtnahme nicht geboten. Letztlich sind es gegenüber Tieren die gleichen Gründe, die auch das Tötungsverbot bei Menschen begründen.
B.: Aber in der Praxis funktioniert das leider nicht.
W.: Die Tradition und Gewohnheit des Fleischessens ist vermutlich die hartnäckigste Wurzel der Mißachtung tierlicher Interessen. Karnivore, also fleischessende Menschen, sind bei der ethischen Neubeurteilung von Tieren befangen. Sie weigern sich standhaft, in der »schmerzlosen« Tötung von Tieren überhaupt ein moralisches Problem zu sehen. Ein Indiz dafür ist die regelmäßige Wiederkehr schlechter Gründe zur Verteidigung der Behauptung, daß wir Tiere als Nahrung brauchen.
B.: Die meisten Menschen verbrauchen Tiere - direkt oder indirekt -, töten aber nicht selbst. Welche Folgen hat diese Delegierung?
W.: In der Tat sind immer weniger Menschen bereit, Tiere eigenhändig zu töten, sie könnten das auch gar nicht, insbesondere in den Großstädten. Trotzdem werden immer mehr Tiere für uns getötet. Das ist sicher eine Entlastung, indem die »schmutzige Arbeit« an andere delegiert wird. Allerdings handelt es sich hier eben nicht um eine gewöhnliche Arbeit, sondern um eine, die mit der permanenten Verletzung von Interessen anderer verbunden ist.
B: Gibt es da Parallelen zur Todesstrafe? Nach wie vor sind ja viele Menschen dafür, würden aber nicht selbst töten, sondern die Hinrichtung an den Henker delegieren.
W.: Bei der Todesstrafe steht natürlich der Strafgedanke im Vordergrund. Dieser Aspekt spielt bei der Tötung von Tieren keine Rolle, weshalb ich hier auch keine Parallelen sehe. Aber wenn man gegen die Todesstrafe ist, weil man die Position vertritt, daß der Staat nicht das Recht hat, Menschen administrativ zu töten, könnte man durchaus ähnlich argumentieren gegen die Tötung von Tieren.
B.: Tolstoi war der Meinung, solange es Schlachthäuser gibt, wird es auch Schlachtfelder geben. Ist Wahrheit in dieser Sentenz?
W.: Einen einfachen kausalen Zusammenhang sehe ich da nicht, daß es also keine Kriege mehr geben wird, wenn die Schlachthäuser abgeschafft sind. Aber zweifellos steckt hinter der Tötung von Tieren die Auffassung, daß es Lebewesen gibt, die weniger wert sind als ein Mensch oder als ein Freund oder als jemand, den man als ebenbürtig betrachtet. Und insofern strahlt diese Bereitschaft zum Töten und zur Gewalt sicher auch auf die Bereitschaft zur Gewalt im Krieg aus.
B.: Menschen, die sich gegen die alltägliche Tötung von Tieren wenden, vertreten eine Minderheitsposition. Woher nehmen solche Menschen die Motive für ihr unpopuläres Handeln?
W.: Es gehört schon Kraft dazu, diese Minderheitsposition auszuhalten. Denn es ist ja einigermaßen unwahrscheinlich, daß sie sich in absehbarer Zeit in eine Mehrheitsposition umwandeln wird. Nun gibt es natürlich mehr oder weniger problematische Motive, in einer solchen Minderheit zu sein. Man kann stolz sein darauf, man kann ein Märtyrerbewußtsein oder ein Sendungsbewußtsein entwickeln, oder auch ein überlegenheitsgefühl. Man sagt, wir sind die wenigen Reinen oder die wenigen Einsichtigen. Diese Motive spielen sicherlich eine Rolle.
B.: Aber doch nicht ausschließlich .
W.: Auf jeden Fall muß man hier die Selbstachtung nennen. Sie ist für mich eine Art Bindeglied zwischen den relativ hohen Ansprüchen der Moral einerseits und der Frage, was ich eigentlich davon habe, wenn ich moralisch handele. Und es heißt ja, daß Menschen, die moralisch handeln, dadurch auch glücklicher seien. Das ist vermutlich etwas naiv. Oder es heißt, Leute mit hohen Moralansprüchen hätten automatisch ein sinnvolles Leben. Der Zusammenhang ist sicher nicht so klar und einfach. Aber ich glaube schon, daß es wichtig ist zu fragen, ob man sich selbst in die Augen schauen kann. Ob ich das, was ich tue, letztlich vor mir verantworten kann. Diese Testfrage spielt zweifellos gerade bei der Behandlung von Tieren eine wichtige Rolle.
B.: Haben Sie Hoffnung, daß die Menschen diese Kultur des Tötens irgendwann verwerfen?
W.: Durchaus. Wenn das Problem öffentlich mehr diskutiert wird, nehmen vielleicht auch die Schuld- und Schamgefühle der Menschen stärker zu. Ein Alltagsbeispiel: In vielen Restaurants ist es zur Selbstverständlichkeit geworden, vegetarische Alternativen anzubieten. Das ist für mich ein Indiz, daß es für viele eine Erleichterung, eine Befreiung ist, kein Fleisch essen zu müssen. Das ist schon ein gewisser Fortschritt. Vielleicht wird man bereits in 100 Jahren mit ähnlichem Befremden auf Karnivore zurückblicken wie heute auf Kannibalen.
B.: Was tun Sie selbst gegen das Töten von Tieren?
W.: Vor allem esse ich sie nicht. Und ich bringe das Thema so oft an, daß es allen Leuten in meinem Umfeld ungemütlich dabei wird.
Themen: Tierethik
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