5. Weltkongress über Alternativen zum Tierversuch
Nach
Baltimore, Utrecht, Bologna und
New Orleans fand der Weltkongress
über Alternativen zum Tierversuche dieses Jahr in Berlin statt. Er ist
ein Forum für alle in diesem Bereich tätigen Wissenschaftler,
Tierschützer und Behördenvertreter. Ich wurde von der Zentralstelle zur
Erfassung und Bewertung von Ersatz- und Ergänzungsmethoden zu
Tierversuchen –
ZEBET - als Ehrengast geladen. Ich habe nach langem
Überlegen absagen müssen, denn mit rund 250 Vorträgen, 400
wissenschaftlichen Poster und verschiedenen Workshops, die
ausschließlich in englischer Fachsprache vorgetragen werden, fühlte ich
mich total überfordert. Eine realistische Einschätzung, die aus meiner
Erfahrung von wissenschaftlichen Seminaren in englischer Sprache
resultierte. So habe ich über dieses
Highlight aus Gesprächen mit
Teilnehmern und den Medien erfahren und möchte hier eine
Zusammenfassung geben.
In ihrer Eröffnungsrede bedauerte Frau Künast, dass durch die Testung von rund
30 000 chemischen Stoffen durch die
EU-Verordnung
REACH, die
Tierversuche für die nächsten Jahren noch ansteigen werden. Derzeit
sind in den EU-Ländern rund zehn Millionen Tierversuche pro Jahr
registriert. "Für einen begrenzten Zeitraum müssen wir hier eine
steigende Anzahl von Tierversuchen tolerieren", sagte die Ministerin
dem "Tagesspiegel". Das sei aber nur akzeptabel, "wenn alle zur
Verfügung stehenden Ersatzmethoden angewandt werden".
Leider waren sich auch die führenden Vertreter dieses Kongresses einig
darüber, dass in naher Zukunft nicht völlig auf Tierversuche verzichtet
werden kann. Doch es werden alle Anstrengungen unternommen, um die
tierversuchsfreie Forschung voranzutreiben.
Weshalb die Zahl der Tierversuche nicht schneller abnimmt, erläutert
Horst Spielmann, der die 1989 gegründete ZEBET in Berlin leitet. Die
ZEBET-Wissenschaftler haben zum Beispiel einen Test entwickelt, mit dem
sie untersuchen, ob Parfümöle oder bestimmte Medikamente zusammen mit
Sonnenlicht Rötungen und Blasen auf der Haut verursachen. Statt die
Ungefährlichkeit der verwendeten Substanzen an Kaninchen nachzuweisen,
zeigt nun ein Farbstoff an Zellen im Labor, wie schädlich die Substanz
ist. Die Forscher brauchten mehr als zehn Jahre, bis die Behörden
ihn als gleichwertig anerkannt haben.
So gibt es inzwischen zwar eine Reihe von Tierversuchs-Alternativen,
von denen aber nur einige anerkannt sind. Inhaltsstoffe etwa, die ein
Arzt einem Patienten injiziert, müssen auf fieberauslösende Wirkung
untersucht werden. Im Tierversuch spritzt man Kaninchen diese
Substanzen und mißt dann die Körpertemperatur. Heute dagegen züchten
die Forscher Zellinien und testen, ob sie Botenstoffe freisetzen, die
im Organismus den Befehl zum Erhöhen der Körpertemperatur weiterleiten.
Eine aktuell diskutierte "Alternativmethode" zu Tierversuchen, die auf
dem Kongress vorgestellt wurde, ist die Verwendung von menschlichen
Zellkulturen. So gibt es mittlerweile "Anbieter" von menschlichen
Hautfetzen, die anstelle der Tiere verwendet werden können. "Statt dem
Kaninchen das Fell zu rasieren und ihm den Versuchsstoff aufzuträufeln,
kann man genauso gut Hautausschnitte verwenden, um die Sensibilität zu
messen", erklärte Horst Spielmann. Auch dies ist eine Methode, die
bereits in der Praxis in Vorversuchen (
screening) angewandt werden,
jedoch international noch nicht anerkannt ist. Hoffentlich dauert diese
Validierung nicht auch über zehn Jahre.
Für die Wissenschaftler war dieser Kongress mit Sicherheit ein großer
Erfolg. Die Medien haben gut darüber berichtet, neue Erkenntnisse
wurden ausgetauscht und das Gefühl gemeinsam gegen Tierversuche zu
arbeiten, stärkt den Geist.
Uns Tierversuchsgegnern wurde wieder mehr als deutlich, dass das
Erreichen unseres Zieles noch lange Zeit in Anspruch nehmen wird und
der Weg dorthin voller Widerstände und Stolpersteine ist.
Doch die Hoffnung und somit den Kampf aufgeben? NIE !!
Tierversuche werden so lange durchgeführt, bis alles, was der Mensch
erforschen, heilen oder benutzen will, nicht durch andere Methoden
ersetzt werden kann. Der überwiegende Teil unserer Gesellschaft ist
egoistisch und selbstgefällig und nicht bereit, sich einzuschränken,
koste es was es wolle.
Die hochentwickelte Technik mit ihren Strahlen und
gesundheitsschädlichen Verstrahlungen ist zum großen Hobby geworden.
Tierversuche für Handys – ein Skandal – doch, wer will darauf
verzichten? So kann die Liste der „Luxusgüter“ zum reinen Vergnügen
unzählig fortgesetzt werden, genau so unzählig wie die Tiere, die dafür
leiden müssen.
Doch jede Alternative, die Tierversuche abschafft und jeder Mensch, den
wir überzeugen können, unseren Weg mitzugehen, ist diesen Kampf wert -
den Kampf für die Rechte der Tiere.
Brigitte Jenner