---weil wir keine Ratten sind - Irrwege der Alkoholforschung
Inhalt:
Vorwort
- Einleitung
- Recherche
- Kritische Betrachtung
- Diskussion
Schlusswort
Vorwort
Ende der 80er Jahre wurde ich erstmals mit dem Problem Suchtforschung an Ratten konfrontiert - hautnah - bei einem Gespräch mit
Prof. Wolffgramm und
Dr. Heyne in der Psychiatrischen Klinik der Freien Universität Berlin. Die Wissenschaftler versuchten, mir und meinem Mitstreiter den Sinn und die Unersetzlichkeit ihrer Forschung klarzumachen. Uns blieben erhebliche Zweifel. Die den Ratten bei dieser Forschung zugefügten Leiden durch Isolierung, Immobilisierung und anderen Stress, durch belastende Verhaltenstests und durch Entzug sind gravierend. Ich habe sie gesehen, die süchtigen, isoliert in kleinen Käfigen gehaltenen, vor sich hin starrenden Ratten – ein Anblick, den ich nicht vergessen kann.
In regelmäßigen Abständen legte das Forscherteam in den Folgejahren der Genehmigungsbehörde ihre Anträge zur Weiterführung dieser Arbeit vor. Bis heute!
Aber nicht nur in Berlin, sondern auch in vielen anderen Städten Deutschlands und weltweit wird Suchtforschung an Tieren betrieben.
Mit dieser Studie wollen wir wissenschaftlich hinterfragen, welche relevanten Ergebnisse zehn Jahre Suchtforschung in Deutschland für den Menschen gebracht haben.
Wir danken der Tierärztin Dr. Martina Kuhtz
für die Erstellung dieser wissenschaftlichen Arbeit.
Brigitte Jenner
Vorsitzende der Tierversuchsgegner Berlin und Brandenburg
Erstveröffentlichung 2002,
am 24. April, dem Internationalen Tag des Versuchstiere
1. Einleitung
Zum Einen argumentieren tierexperimentell arbeitende Wissenschaftler, man könne Tierversuche durchführen, weil Tiere - keine Seele haben - nicht so empfinden können wie wir. Aber hätten wir einer Ratte etwa zugetraut, dass sie Magengeschwüre bekommt, wenn sie Angst hat; dass sie Alkohol trinkt, wenn sie sich einsam fühlt? Und dann soll sie durch die Versuche keinen Schaden nehmen, dann soll es in Ordnung sein, sie ihr Leben lang ohne jeden Kontakt mit Artgenossen in einer kleinen langweiligen Box zu halten?
Um Menschen zu retten, dürfen wir das, meinen die Wissenschaftler. Aber: Wie viele Menschen hat man denn bis jetzt durch die Versuche schon gerettet? Viele Jahre laufen diese Versuche nun schon, sie kosten viel Geld, aber noch viel mehr Leben, das uns - erschreckend - ähnlich ist. Und eben auch wieder nicht. Sonst hätte es viele, "durch Tierversuche abgesicherte" , Katastrophen nicht gegeben.
In der Suchtforschung werden viele Tierversuche durchgeführt. Nicht selten hört oder liest man in den Medien von neuen an Tieren gefundenen Therapien, die dem Menschen dann aber doch nicht so helfen, wie man sich das vorgestellt hat. LINDL
et al. (2000), die beantragte und genehmigte tierexperimentelle Versuchsvorhaben in Bezug auf das Forschungsziel, den wissenschaftlichen Nutzen und die medizinische Relevanz hin untersuchten, stellten fest, dass viele Versuchsvorhaben "für den Menschen relevante Erkenntnisse nur aufgrund von Zufallstreffern" erhalten. "Neue Therapien bedingen vor der Anwendung am Menschen nicht zwingend ein positives Ergebnis aus tierexperimentellen Versuchsvorhaben. Das wirft letztlich die Frage der Unerlässlichkeit, Notwendigkeit und der
2. Recherche
Ausgewertet wurden 86 wissenschaftliche Artikel über Versuche, die zum Alkoholismus zwischen 1990 und 2000 in Deutschland an Tieren durchgeführt wurden.
Fast ausschließlich wurden Ratten verwendet, in manchen Fällen auch Mäuse.
Die Artikel können in folgende Gruppen aufgeteilt werden:
a) Grundlagenforschung
30 Versuche mit mindestens 1435 Tieren;
Themen:
- Veränderungen im Gehirn
- Auswirkungen von Alter und Geschlecht auf den Abbau von Alkohol
- durch Alkohol bedingte Änderungen des Cholesterin-stoffwechsels
- Einfluss von Alkoholaufnahme auf den Schilddrüsen-stoffwechsel
- nervale Auswirkungen durch Alkohol
- Verstoffwechslung von Alkohol
- Alkohol-verbundene Erhöhung des Homocysteinspie-gels (Aminosäure, deren Spiegel sich beim Menschen bei chronischem Alkoholgenuss erhöht)
- Veränderung der Durchlässigkeit der Dünndarmschleim-haut
b) Toxikologische Versuche
22 Versuche mit mindestens 1669 Tieren;
Themen:
- Krebsentstehung
- Schäden während der Schwangerschaft
- Schäden an Gehirn, Leber, Bauchspeicheldrüse, Herz und Kreislauf
- Zusammenwirken mit anderen schädigenden Stoffen
c) "Verhaltens"-versuche, bei denen die Tiere freiwillig Alkohol aufnehmen können
12 Versuche mit mindestens 1033 Tieren
Themen:
- Einfluss auf die Alkoholaufnahme von
sozialem Umfeld
- Stress
- Geschlecht und Geschlechtshormonen
- Glukosestoffwechsel und Glukoseaufnahme
- endogenem Opiodsystem
- Wirkung von Alkohol bzw. Alkoholentzug auf Ängstlichkeit
- neurologische Schäden bei Kindern durch während der Schwangerschaft getrunkenen Alkohol
- Vorgänge im Gehirn bei Kontrollverlust der Alkoholaufnahme
- Entzugssymptome
- Rolle bestimmter Stoffwechselabläufe im Gehirn bei den Auswirkungen von Alkohol auf das Verhalten
d) Therapie-Versuche
22 Versuche mit mindestens 1359 Tieren;
Themen:
- Auswirkungen bestimmter Substanzen
- auf die Alkoholaufnahme
- auf Symptome nach Alkoholentzug
- auf Schädigungen von Hirn und Leber
3. Kritische Betrachtung
In der Tat trinkt auch die Ratte bei sozialem Stress wie der Mensch Alkohol. Dies ist auch ein Grund - neben versuchstechnisch bedingten -, dass die sehr geselligen Tiere bei den Versuchen häufig ihr Leben lang alleine, sogar ohne Sichtkontakt zu Artgenossen auf engem Raum gehalten werden. Dadurch wird bei den Tieren Stress ausgelöst.
Davon abgesehen bestehen physiologisch und psychisch zwischen Mensch und Ratte so große Unterschiede, dass eine Übertragung der Ergebnisse aus den Versuchen auf den Menschen häufig nicht funktioniert.
Genaueres wird im Folgenden zu den einzelnen Versuchsgruppen erläutert.
a) Grundlagenforschung
Bei den Versuchen ging es nicht darum, mit direktem Bezug zur Therapie zu forschen oder aber schädliche Auswirkungen auf Organe zu analysieren, sondern darum, allgemein die Abläufe bei Alkoholaufnahme genauer zu untersuchen.
Hierzu WOLFFGRAMM (1996, S.3), der selbst Tierversuche in der Alkoholforschung durchführt: "Jede Behandlung einer Krankheit hat sich am Erfolg zu orientieren. Ob der Erfolg dabei naturwissenschaftlich begründbar ist, kann zunächst als zweitrangig angesehen werden. Unmittelbares Ziel der Grundlagenforschung ist dagegen das modellhafte, abstrahierende Abbilden realer Zusammenhänge. Ob sich aus einem solchen Vorgehen Ansätze für eine auf Kausalprinzipien aufbauende Therapie ergeben, ist ungewiss. Besonders bei Erkrankungen der Psyche klafft immer noch eine breite Lücke zwischen Grundlagenwissen und praktischer therapeutischer Erfahrung. Die Frage, ob neurobiologische Grundlagenforschung in ihrem jetzigen Stand eine brauchbare Basis für konkrete Behandlungsergebnisse liefern kann, muss man wohl mit "nein" beantworten."
Bei den Tierversuchen in der Grundlagenforschung hat man unter anderem angesichts der angegeben Literatur häufig den Eindruck, als gehe es nicht um den "Bedarf an Erkenntnissen", sondern es würde nach Lücken gesucht, ohne die Überlegung, wozu die Ergebnisse möglicherweise verwendet werden könnten. Beispielsweise handelt es sich schon bei einer Dosisveränderung um einen "neuen Versuch", der neu genehmigt werden kann.
Bei vielen Versuchen kann man parallele Studien an Alkoholikern finden, beziehungsweise es wären statt dessen ähnliche Studien am Menschen denkbar. Nicht selten beschreiben die Autoren selbst, dass es bei den Studien darum ginge, an Menschen gewonnene Erkenntnisse an Tieren nachzuvollziehen.
Beispiel Homocystein - eine Aminosäure, deren Spiegel sich beim Menschen bei chronischem Alkoholgenuss erhöht:
Im Jahr 2000 wurde in einem Artikel über eine Studie berichtet, bei der es um die Auswirkung chronischer Alkoholaufnahme auf den Gesamthomocysteinspiegel im Blut bei Ratten ging. Im gleichen Jahr wurde eine Studie mit dem Titel "Auswirkungen der Aufnahme von Rotwein, Spirituosen und Bier auf Homocystein" veröffentlicht, in deren 11 Verlauf gesunde Freiwillige drei Wochen lang täglich entweder vier Gläser kohlensäurehaltiges Mineral-wasser, Rotwein, Bier oder Spirituosen (holländischen Gin) tranken (VAN DER GAAG, M. S. et al., 2000). Die Zielsetzung beider Studien unterschied sich zwar etwas, aber die Ergebnisse der Rattenstudien hätten problemlos auch an den menschlichen Probanden erreicht werden können.
Beispiel Zuckerstoffwechsel im Gehirn:
Ein findiger Forscher hat einen Weg gefunden, beim lebenden Menschen den Zuckerstoffwechsel in bestimmten Bereichen des Gehirnes zu messen. 1991 wird eine Studie mit Ergebnissen von Messungen an chronisch alkoholkranken Menschen veröffentlicht. Schön, da braucht man ja keine Tierversuche. Aber es gibt eben Forscher, denen fehlt ohne Tierversuche etwas: 1992 wird die Methode bei Ratten eingesetzt, die anschließend getötet werden. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass die gefundenen Daten von Nutzen sein könnten, zukünftige Studien der Auswirkungen von akutem und chronischem Alkoholkonsum auf den Zuckerstoffwechsel im Gehirn von Menschen zu planen und zu interpretieren. Warum es notwendig war, die Versuche auch an Ratten durchzuführen, wobei man ohnehin nicht weiß, ob die Ergebnisse übertragbar sind, bleibt unklar. Auch aktuell gibt es viele Studien, die sich mit Veränderungen des Hirngewebes an lebenden Menschen durch Messungen mit nicht-invasiven Methoden beschäftigen
(z.B. SCHWEINSBURG et al., 2000 sowie LINGFORD-HUGHES et al., 2000).
Aber selbst für die Untersuchungen, die direkt am Hirngewebe stattfinden, gäbe es andere Möglichkeiten, als dafür Tiere zu töten. Ein Beispiel ist die Arbeit von GERLACH
et al. (2001). Hier werden Untersuchungen an menschlichen Gehirnen von 23 Alkoholikern und 17 Kontrollpersonen durchgeführt. Die Gehirne wurden von einer Gehirnbank in Würzburg zur Verfügung gestellt.
b) Toxikologische Versuche
In den toxikologischen Versuchen geht es um schädigende Auswirkungen von Alkohol. Häufig soll der zugrunde liegende Mechanismus herausgefunden werden - eine schier unermessliche Möglichkeit, Versuche durchzuführen, indem man die eingegebenen Alkoholmengen und die Verabreichungsdauer variiert, immer wieder andere Gewebe untersucht oder Alkohol mit anderen schädigenden Stoffen kombiniert, um zu schauen, ob die verursachten Schäden dann schlimmer werden. Eine Verbesserung der Therapie folgt aus den Ergebnissen der Studien nicht, und weniger Erkrankungen wird es auch nicht geben, denn wie man Erkrankungen vermeiden kann, ist bekannt - auf Alkohol verzichten!
Auch hier gilt wie in der Grundlagenforschung, dass viele Untersuchungen auch an menschlichem Gewebe durchgeführt werden könnten. Dazu sei eine Studie von MIRÓ
et al. (2000) erwähnt, die die schädlichen Auswirkungen von Alkohol auf das Herz behandelt. Hierbei wurden Herzen von Organspendern untersucht, die plötzlich gestorben waren.
Beispiel Krebs:
"Dem Kliniker ist seit Jahrzehnten ein Zusammenhang zwischen Alkoholismus und dem Auftreten bestimmter Organkrebse bekannt. Bereits zu Beginn dieses Jahrhunderts konnte LAMU in Frankreich zeigen, dass Absinth [Wermutbranntwein] -Trinker ein erhöhtes Risiko haben, ein Ösophaguskarzinom [Speiseröhrenkrebs] zu entwickeln." (SEITZ, H. u. G. PÖSCHL, 1996). Dennoch befassten sich zwischen 1990 und 2000 fünf Studien mit dem Auslösen von Krebs durch Alkohol. Durch eine Studie wird herausgefunden, dass es durch Alkohol bei Ratten zu einem vermehrten Zellwachstum in der Speiseröhre kommt. Durch Herausnehmen der Speicheldrüsen kann dieser Effekt verringert werden. Was soll das Fazit aus dieser Studie sein - wenn man nicht auf Alkohol verzichten möchte, lässt man sich die Speicheldrüsen herausnehmen? Drei bis vier Prozent aller Tumoren in den Industrieländern könnten alleine durch Abstellen des chronischen Alkoholkonsums vermieden werden (FORTH et al., 2001)!
Durch epidemiologische Studien ist bekannt, dass durch Alkohol und Alter das Risiko von Krebs im Dickdarm und Enddarm steigt; beide Faktoren zusammen potenzieren sich. In einer Studie von 1993 wird es noch einmal nachvollzogen; man findet heraus, dass es auch bei Ratten so ist. Auch hier ist kein dem Menschen nützliches Ziel der Untersuchungen erkennbar.
In vielen Versuchen sind einfach auch die verabreichten Mengen nicht der Realität angepasst. So wurde in Berlin 1991 Mäusen hochdosiert Ethylcarbamat mit 20% Alkohol eingegeben. Ethylcarbamat ist in geringen Dosen in Steinfruchtbrandies enthalten. In dem Versuch wird er in einer Menge gegeben, die bei einem Menschen von 75 kg umgerechnet die Aufnahme von 1.350 l Brandy pro Tag bedeuten würde.
Beispiel Alkohol bei Schwangeren:
Schon seit Jahrzehnten weiß man auch, dass Alkohol während der Schwangerschaft Schäden beim Fetus hervorrufen kann. Deshalb wird Schwangeren geraten, auf Alkohol zu verzichten. Dennoch wird im Jahr 2000 ein Artikel über eine Studie veröffentlicht, in der trächtigen Ratten Alkohol verabreicht wird, um zu sehen, in welchem Stadium welche Bereiche geschädigt werden. Wo soll hier der Nutzen für den Menschen sein? Die Frauen, die dennoch Alkohol trinken, tun dies in der Regel, weil sie gegen ihr Verlangen nicht ankommen. Es nützt ihnen wenig, zu wissen, in welcher Phase der Schwangerschaft der Alkohol welche Schäden hervorruft! Zudem gibt es auch in diesem Bereich zahlreiche Verlaufsstudien beim Menschen. Genannt sei hier eine Studie von AUTTI-RAMPO aus dem Jahr 2000, in der es um die Entwicklung von Kindern geht, deren Mütter während der Schwangerschaft Alkohol konsumiert haben. Unter anderem wird festgestellt, dass Ärzte und Lehrer den Alkoholkonsum von Müttern während der Schwangerschaft als Ursache für Lernschwierigkeiten in Betracht ziehen müssen, auch bei Kindern, deren Aussehen und Wachstum normal sind. Für diese Studie müssen keine Tiere sterben, und sie liefert für Menschen wertvolle Erkenntnisse. Auch FROSTER und BAIRD (1992) untersuchen angeborene Defekte der Gliedmaßen durch Alkoholgenuss während der Schwangerschaft. Sie stellen fest, dass sich das Muster der Skelettanomalien in Tierversuchen von dem an Menschen unterscheidet - ein weiterer Grund gegen diese Tierversuche!
1994 wird in Frankfurt Ratten 100%iger Alkohol zwangsweise eingegeben. Es wird untersucht, ob die Schädigung der Magenschleimhaut verringert werden kann, wenn vorher bestimmte Hormone gespritzt werden. Wer trinkt 100%igen Alkohol und nimmt deshalb Hormone ein? Ein qualvoller und wenig realistischer Versuch!
Ein besonders quälerischer Versuch wurde 1999 in Freiburg durchgeführt. Acht Tage lang wird 20%iger Alkohol durch einen kleinen Schlauch in den Magen verabreicht. Die alkoholbehandelten Tiere verbringen die meiste Zeit in einem schweren Stadium der Vergiftung, kaum dazu imstande, das angebotene Futter zu fressen. So verlieren sie bis zu 20% ihres Körpergewichtes, was teilweise durch die zwanghafte Eingabe einer Flüssigdiät kompensiert wird. Etwa 30% (!) der Ratten sterben während des Versuches an Alkoholüberdosierung. Nach 24 Stunden Entzug werden die Tiere durch Enthauptung getötet. Zu dieser Zeit haben sie schon schwere Entzugserscheinungen wie Zittern, Angst und Aggressivität. Versuchsziel: Nähere Untersuchung von Schäden im Gehirn durch massiven Alkoholgenuss, wodurch beim Mensch
z.B. Epilepsie ausgelöst werden kann.
Fazit: "Eine Verbindung des Musters, das in dieser Studie gefunden wurde, zu epileptischen NR-verbundenen Anfällen nach exzessivem Alkohol-Abusus mit extremer Fehlernährung für mehrere Tage scheint möglich."
Mit pathologischem Material hätte man die Fragen genauso gut klären können.
Reine Tierquälerei ohne Nutzen für betroffene Menschen!
NR-verbundene Anfälle, sind Epilepsie-Anfälle, die mit bestimmten Funktionsausfällen des Gehirns einhergehen.
Noch ein weiteres Beispiel:
Ein Stoff, der Bestandteil von Farben ist, mit denen Boote gegen Faulen angestrichen werden, wurde im Tierversuch als giftig getestet. Für Menschen ist seine Gefährlichkeit offensichtlich noch nicht nachgewiesen. Trotzdem wird 1998 aus Rostock ein Kombi-Toxizität-Versuch beschrieben: Man findet heraus, dass bei Ratten Alkohol die Giftigkeit dieses Stoffes noch verstärkt. Fazit also: Leute, die in Booten sitzen, die mit Farbe gegen Fäulnis angestrichen sind, sollten nicht so viel Alkohol trinken, so in etwa jedenfalls diskutiert es der Autor. Immerhin hat er schon von zwei Bootsbesitzern gehört (Quelle: "Personal Communication"), die diese Farbe benutzt haben und gewöhnlich Alkohol tranken (wieviel, wie oft?). Diese haben eine chronische Bauchspeicheldrüsenentzündung entwickelt. Bei ca. 25% aller Alkoholabhängigen werden übrigens pathologische Veränderungen der Bauchspeicheldrüse festgestellt - TRETTER, 2000. Siehe auch SINGER und MÜLLER (1995), die Alkoholmissbrauch für die wichtigste Ursache von Bauchspeicheldrüsenentzündung halten. Wie die Autoren der Tierversuchsstudie folgern können, dass für die Entstehung von chronischer Bauchspeicheldrüsenent-zündung bei Mensch und Tier ein Zusammenwirken von Alkohol und anderen toxischen Substanzen wichtig zu sein scheint, wird nicht klar.
Die Tiere wurden dazu gezwungen, mit ihrem Flüssigkeitsbedarf 15% Alkohol täglich über bis zu 24 Wochen aufzunehmen - wer als Mensch so viel Alkohol trinkt, sollte sich vielleicht sowieso überlegen, ob eine Verringerung nicht gesundheitsfördernd wäre. Wenn man schon vermutet, der Stoff gegen Fäulnis könne schädlich für Menschen sein, ohne es nachweisen zu können, könnte man auch ohnehin versuchen, den Menschen davor zu schützen; dazu hätte es keiner weiteren Tierversuche bedurft. Leider war es für die Studie offensichtlich unwichtig, wieviel Liter Farbe ein Mensch trinken muss, um die gleiche Menge an Schadstoff wie die Ratten aufzunehmen.
c) "Verhaltens"- Versuche
Bei einigen dieser Versuche sollen die Tiere freiwillig Alkohol konsumieren,
d. h. wahlweise Alkohol oder Wasser aufnehmen. Dieses "Tiermodell" soll dem Krankheitsbild des Menschen eher entsprechen als erzwungene Alkoholaufnahme. Um menschlichen Stress zu simulieren, werden Ratten
z. B. bei einem Versuch für sieben Wochen täglich immobilisiert. D.h. sie werden in eine enge Plastikröhre gesteckt, in der sie sich nicht bewegen können, teilweise 24Stunden ohne Unterbrechung. In dieser Zeit bekommen sie weder Wasser noch Futter. Die Qual der geselligen, bewegungsfreudigen Tiere muss groß sein.
Unter diesen Bedingungen nehmen viele Tiere dann den Alkohol. Soviel zur Freiwilligkeit!
Die Alkoholabhängigkeit beim Menschen hat derart komplexe Ursachen, dass sie mit dem "Tiermodell" nicht direkt vergleichbar ist. Ein wichtiger Unterschied zwischen alkoholkranken Menschen und Ratten ist, "dass der Mensch - anders als die Ratte - zumindest eine Zeitlang in der Lage sein kann, aufgrund seiner Einsicht in die Suchtkrankheit auch starkes Verlangen nach der Droge im Ansatz zu unterdrücken." (WOLFFGRAMM, 1996, S.16). Hierdurch ergibt sich ein wichtiger Unterschied in der Therapie:
Beim Menschen ist die psychologische Betreuung der wichtigste Bestandteil.
In einer Studie aus dem Jahr 1998 geht es um den Einfluss von Geschlecht
bzw. Geschlechtshormonen auf die Alkoholaufnahme. Es wird festgestellt, dass die Geschlechtshormone in der Tat Einfluss haben,
nur verhält es sich bei Ratten exakt umgekehrt wie beim Menschen. Bei Ratten trinken Weibchen mehr! Eine Übertragung der Ergebnisse auf den Menschen ist also im Prinzip nicht möglich.
Ein anderes Beispiel:
Es soll herausgefunden werden, ob Alkohol bei Ratten angstdämpfend wirkt. Aus epidemiologischen Über-sichtsarbeiten, Familien- und Feldstudien am Menschen weiß man, dass ängstliche und gestresste Leute Alkohol trinken, um diese Gefühle zu dämpfen. Mit den Tieren soll dies nachvollzogen werden. Die bisherigen Studien zur Bestätigung der Ergebnisse an Tieren haben viele sich widersprechende Resultate erzielt, so sagt der Autor selbst. Warum weitere tierexperimentelle Studien, wenn es für den Menschen sowieso bekannt ist
– wem kann das nützen?
Ein anderes Beispiel für Verhaltensversuche:
Es sollte 1995 in Jena an mehreren Hundert Mäusen die Frage geklärt werden, ob neurologische Schäden an Kindern aufgrund während der Schwangerschaft getrunkenen Alkohol durch eine Verbesserung des Umfeldes während des Aufwachsens kompensiert werden können. Zum einen gibt es jedoch genug Studien am Menschen darüber, da z. B. Kinder von Alkoholikern häufig zur Adoption freigegeben werden. Dann fallen in der Studie einige Mängel in der Planung auf, wodurch bestimmte Ergebnisse in Frage gestellt werden müssen (z. B. Fehler in der Berechnung der kalorischen Komponente von Alkohol). Und außerdem: Sagt nicht schon der gesunde Menschenverstand, dass sich Kinder besser entwickeln, wenn sie in einem vernünftigen Umfeld aufwachsen? Aber wie stellen sich die Autoren die Umsetzung ihrer Ergebnisse bei alkoholsüchtigen Müttern vor - kein Geld, oft schlechte Wohnverhältnisse, meist keine Unterstützung durch Vater bzw. Freunde oder Verwandte! Die Ausgaben für diese Versuche wären an anderer Stelle besser angebracht gewesen.
d) Therapie-Versuche
Hier werden Medikamente getestet, die sich möglicherweise zur Therapie eignen könnten. Das hört sich ja erst einmal nützlich an, de facto geht es jedoch häufig um Medikamente, die empirisch bereits angewandt wurden und Erfolg zeigten. Viele Medikamente, die im Tierversuch Hoffnung erwecken, wirken dann wiederum beim Menschen nicht (MANN, K.F. 1999,
S. 489). Auch SINGER und TEYSSEN (1999) beschreiben Medikamente, die sich zwar im Tierversuch als positiv dargestellt haben, in klinischen Studien jedoch nicht effektiv waren und außerdem das Risiko schwerwiegender Nebenwirkungen bargen.
Seit einigen Jahren sind sogenannte "Anticraving-Substanzen" auf dem Markt. Für die Entwicklung mussten viele Tiere sterben. Wirkungsziele von Anticraving-Substanzen sind: Reduktion von Trinkmenge und -tagen; Vermeidung der Wiederaufnahme süchtigen Konsums.
Grundsätzlich sind diese Medikamente sogenannte „adjuvante Therapielemente“ bei weniger stark ausgeprägten Abhängigkeiten. Sie können unterstützend neben der Haupttherapie angewendet werden. Allerdings „besteht die Gefahr, dass eine in der Behandlung dringend notwendige Auseinandersetzung mit der Erkrankung oder der Lebenssituation des Einzelnen unterbleibt oder sogar verhindert wird“, wenn nicht gleichzeitig unterstützende Gespräche verordnet werden (MANN, K.F. 1999,
S. 490).
Am wichtigsten ist also nach wie vor die soziale und psychologische Betreuung der Patienten!
Beispiel Acamprosat (Anticraving-Substanz):
In einem Artikel von 1996 wird an Ratten die Therapie mit Acamprosat untersucht. Bereits in der Einleitung werden jedoch klinische Studien von 1985, 1990, 1991 und 1993 erwähnt, die "zeigten, dass die Rückfallrate bei Acamprosat-behandelten, abstinenten Alkoholikern sich deutlich von Placebo behandelten Patienten unterschied." MANN (1999) beschreibt noch weitere Untersuchungen von 1993 (2x), 1994 und 1995, die zum Ergebnis haben, dass durch Behandlung mit Acamprosat höhere Abstinenzraten erzielt werden. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommen KRANZLER und VAN KIRK (2001) durch 13 Studien seit 1985. In Frankreich ist das Mittel bereits seit 1989 zugelassen (TRETTER, 2000).
Beispiel Lisurid:
In einer 1995 veröffentlichten Studie wird die therapeutische Wirkung von Lisurid an Ratten getestet. Die Autoren schreiben, dass parallel bereits klinische Studien von SCHMIDT et al. (1994) laufen. Warum wurden nicht die Ergebnisse über die klinische Wirksamkeit abgewartet?
So liest man dann auch 1999 bei MANN: "Der Dopaminagonist Lisurid wurde aufgrund seiner hohen Affinität zum D1-Rezeptor in einer placebokontrollierten Doppelblindstudie überprüft. Entgegen den Erwartungen war die Rezidivrate unter Verum signifikant höher als unter Placebo (SCHMIDT et al. 1997). Insgesamt sind die Ergebnisse der dopaminergen Substanzen bisher nicht überzeugend." Mit anderen Worten: Eine Behandlung mit Lisurid führte zu einer erhöhten Rückfallquote!
Beispiel Fluoxetin:
In klinischen Studien von 1984, 1987, 1989, 1990, 1992, 1995 und 1996 wurde bereits herausgefunden, dass Substanzen dieser Stoffgruppe Alkoholaufnahme und Verlangen bei bestimmten Untergruppen von Alkoholikern senken können. Dennoch werden auch in den folgenden Jahren Tierversuche zur Wirkung dieser Stoffe durch-geführt. Nach TRETTER (2000) bleibt es jedoch auch Jahre später dabei: "wahrscheinlich nicht effektiv, mögliche Wirksamkeit bei Subgruppe".
Bei einer Reihe von Substanzen (Ipsapiron, Memantine, Ritanserin) gibt es immer wieder tierexperimentelle Studien teilweise seit 1990, ohne dass in der aktuellen Literatur (
z.B. TRETTER 2000) Hinweise zu finden sind, dass auch schon Studien am Menschen erfolgt sind. Dies gilt auch für mehrere Substanzen, die gleichzeitig mit dem Alkoholgenuss eingenommen alkoholbedingte Schäden verringern sollen. Wie viel Interesse besteht wohl seitens der Wissenschaftler, die Ergebnisse der Tierversuche umzusetzen?
d) Sonstige Versuche
Zwei besondere Versuchsabläufe sollen im Folgenden näher geschildert werden:
aa) Jejunoilealer Bypass (JIB)
Im Gegensatz zum Menschen kommt es bei der Ratte bei Alkoholkonsum nicht zu Schädigungen der Leber, auch nicht nach Verabreichung von Alkohol in hohen Dosen und über eine erhebliche Lebensspanne der Tiere, solange die Tiere ausgewogen gefüttert werden. Die Leber wird allerdings dann geschädigt, wenn man sehr hohe Dosen Alkohol direkt in den Magen gibt oder aber
z. B. Diäten mit einem sehr hohen Fettanteil und sehr niedrigem Proteinanteil gibt. "Findige Forscher" sind noch auf eine andere Idee gekommen: Ein vorderer Teil des Dünndarms (Jejunum) wird zerschnitten und das magenseitige offene Ende an einen hinteren Teil des Dünndarms (Ileum) seitlich angeheftet, so dass das dazwischen liegende Stück vom Nahrungsstrom umgangen wird. Im restlichen Stück des Jejunums findet nun keine Bewegung des Nahrungsbreis mehr statt, es hat aber weiterhin seine natürliche Verbindung zum Ileum. Die Seite, wo es zerschnitten wurde, wird zugenäht, so dass kein Nahrungsbrei in die Bauchhöhle gelangen kann. Wenn man jetzt Alkohol zufüttert, wird endlich wie beim Menschen die Leber geschädigt. Warum? Man vermutet, dass bakterielles Wachstum in dem stillgelegten Darmteil zusammen mit der Schädigung der Darmschleimhaut durch den Alkohol so viel Bakteriengifte durchlassen, dass es für die Leber zu viel wird (PARSELAK
et al., 1997). Die Wirkung wird nicht durch Alkohol, sondern durch Bakteriengifte erzielt.
Die Ergebnisse gelten somit nur für diese speziellen Ratten, nicht für andere Ratten und sind schon gar nicht auf den Menschen übertragbar.
bb) Cross generalization - cross-familiarization conditioned taste aversion
Bei der "
Cross generalization" geht es darum, ob Ratten eine Substanz so stimuliert wie Alkohol. Sie lernen
z. B., dass sie beim Drücken eines Hebels Futter bekommen. Wenn vorher Alkohol gespritzt wird, gibt nur ein bestimmter von zwei Hebeln Alkohol her; beim Spritzen eines "harmlosen" Stoffes ein anderer. Wenn nun eine Substanz gespritzt wird und die Ratte drückt den "Alkohol"-Hebel, soll dieser Stoff ähnlich stimulierende Wirkung wie Alkohol haben und möglicherweise als ungefährlicherer Ersatzstoff bei der Therapie dienen können. Aber woher weiß man, wie die Ratte etwas als Alkohol erkennt? Vielleicht wird ihr übel, vielleicht brennt es etwas, vielleicht wird ihr schwummerig? Und: Ist dieser andere Stoff wirklich ungefährlicher? Hier böten sich doch wirklich Versuche an Freiwilligen an, auf die es im Endeffekt ohnehin hinauslaufen muss.
Die "
cross-familiarization conditioned taste aversion" ist komplizierter. 24 Stunden vor dem ersten Versuch wird den Tieren Wasser entzogen. Von jetzt an bekommen die Ratten nur einmal täglich für 15 min Flüssigkeit angeboten. Während der ersten Tage handelt es sich hierbei nur um Wasser. Etwa eine Stunde später werden Stoffe in den Bauch gespritzt. Am 5. Tag werden die Trinkflaschen mit Saccharin-Lösung gefüllt. Hiernach wird den Tieren 1000mg/kg Alkohol oder die Substanz von den Tagen zuvor in den Bauch gespritzt. Durch die in den ersten Tagen gegebenen Drogen soll die nun folgende Reaktion der Tiere 72 Stunden später beeinflusst werden: Die Tiere haben die Wahl zwischen Wasser und Saccharin-Lösung. Je weniger Saccharin sie trinken, um so aversiver ist die Spritze vor
72 Sunden im Vergleich zu den vorherigen gewesen. Hiermit soll wieder erforscht werden, ob die Tiere etwas für Alkohol halten: Denn, wenn der Stoff an den ersten Tagen auf die Tiere wie Alkohol wirkte, verbinden diese mit der Saccharin - Lösung nichts Schlimmes und trinken sie
72 Stunden später ganz normal.
Wieder wissen wir nicht, welche Eigenschaft von Alkohol die Ratten als bedeutend empfunden haben. Hier werden jedoch ähnlich unangenehme Eigenschaften von Alkohol und anderen Substanzen herausgefunden - und die sind doch für die Therapie eher nebensächlich! Und tatsächlich: Wenn beide Versuchsgruppen parallel durchgeführt werden, kommt es teilweise zu widersprüchlichen Ergebnissen, was die Beurteilung eines Stoffes durch die Ratten als Alkohol betrifft!
4. Diskussion
Es geht in dieser Studie nicht darum, die Bedeutung des Alkoholismus in Deutschland herunterzuspielen. Er ist ein großes Problem und den betroffenen Menschen soll geholfen werden. Es geht um das „wie“! Und hier lautet die Frage: wie sinnvoll ist es, Unmengen vom Geld der Steuerzahler in tierexperimentelle Forschung zu stecken.
Hierzu ein Zitat:
„Der Alkoholkonsum in Deutschland liegt auf einem so hohen Niveau, dass die gesundheitlichen, sozialen und wirtschaftlichen Schäden den Nutzen weit übersteigen. Um den Konsum auf der Basis der Gesamtbevölkerung auf ein sozial verträgliches Maß zu senken, sind dringend eine Reihe von konsumsenkenden Maßnahmen erforderlich. Dazu gehört eine Preiserhöhung durch zweckgebundene Abgaben für Prävention und Behandlung, dazu gehören Einschränkungen der Verfügbarkeit, z.B. durch Mindestabgabealter, Verkauf nur in lizensierten Geschäften sowie die Herabsetzung der Promillegrenze im Straßenverkehr.“ (HÜLLINGHORST, R., 1999, S. 39)
Mit Fortschreiten der Technologie ist es möglich geworden, auch auf molekularer Ebene Untersuchungen beim lebenden Menschen durchzuführen. Diese Untersuchungen liefern wichtige Erkenntnisse. Auch durch zahlreiche epidemiologische Studien sind viele Abläufe beim Alkoholismus deutlich geworden. Gerade im Bereich Alkoholismus ist die Übertragbarkeit von Tier auf Mensch in vielen Fällen eben einfach nicht gegeben, aus plausiblen Gründen: „Eine Reihe von epidemiologischen Untersuchungen belegen, dass Alkoholismus zumindest bei Männern die häufigste psychische Erkrankung darstellt. Dabei besteht eine erhebliche Komorbidität mit anderen psychischen Störungen, speziell Schizophrenie, affektiven Erkrankungen und Angststörungen, die jeweils mit einem erhöhten Risiko für Alkoholismus einhergehen.“ (SOYKA, M., 1999,
S. 472). „Das organische Psychosyndrom bei Alkoholabhängigen ist einerseits durch relativ klar umschriebene neuropsychologische Defizite, zum anderen aber auch durch eine Vielzahl von Verhaltensauffälligkeiten oder einem Persönlichkeitswandel im Sinne einer organischen Wesensänderung gekennzeichnet, die testpsychologisch relativ schwierig zu objektivieren ist“ (SOYKA, M. 1999,
S. 473).
Dies zeigt: Die Zusammenhänge
bzw. Ursachen des Alkoholismus sind jeweils sehr komplex. Sie hängen mit vererbten Eigenschaften einer Person, aber auch mit der Umwelt zusammen. Wichtigste Komponente der Behand-lung des Menschen ist die psychologische. Jeder Patient braucht eine individuell auf ihn eingestellte Behandlung.
Die Ratte soll als "Modell" dienen, in dem Ursachen und Ablauf der Alkoholerkrankung untersucht werden können. Jedoch: Diese komplizierten Mechanismen können in einem Tiermodell nicht nachvollzogen werden.
Fazit:
Zehn Jahre Alkoholforschung in Deutschland:
Durch die von 1990 – 2000 durchgeführten Tierversuche – soweit für die vorliegende Studie verfügbar – konnte die Therapie des Alkoholismus in diesem Zeitraum nicht verbessert werden.
Schlusswort
Alkoholismus ist eine schwere Krankheit und es besteht Forschungsbedarf. Warum der Alkoholkonsum, dem so viele von uns frönen, plötzlich steigt, unkontrolliert wird und das Verlangen danach alles beherrscht, ist ohne Zweifel eine auch wissenschaftlich interessante Frage. Natürlich passiert in dem alkoholkranken Menschen auch auf der biochemischen Ebene etwas. Das kann man messen, manipulieren, therapeutisch zu beeinflussen versuchen. Und da aus ethischen Gründen vieles am kranken Menschen nicht gemacht werden darf, macht man es an Tieren, vornehmlich an Ratten. Diese bekommen den Alkohol zwangsweise verabreicht oder aber es werden Versuchsbedingungen geschaffen, bei denen die Tiere „freiwillig“ trinken. Dann kommen Verhaltenstests, der Entzug und erneute Verhaltenstests mit und ohne pharmazeutische Intervention. Diese in immer neuen Variationen beantragten Versuche gibt es noch immer. Sie sind stark belastend für die Tiere. Sie sind trotzdem durch die Tierversuchskommission und durch die Genehmigungsbehörde letztendlich nicht zu verhindern, da sie nach dem Tierschutzgesetz „erlaubten Zwecken“ dienen. Was für eine bemerkenswerte Ausnahme, als vor kurzem ein Forscher in Berlin seinen Versuchsantrag aus eigenem Antrieb zurückzog, weil er jeglichen Glauben an die publizierten Daten eines anderen Experimentators, auf dessen Vorarbeiten er aufbauen wollte, verloren hatte.
Natürlich zeitigt diese Art Forschung auch Ergebnisse, vornehmlich solche, mit denen die Notwendigkeit einer Fortsetzung der Arbeiten zu begründen ist.
Gibt es nun aber auch Erkenntnisse, die den Kranken in absehbarer Zeit unmittelbar helfen werden?
Viel zu selten wird diese Frage gestellt. Wer schließlich hat das Interesse, der tierexperimentellen Forschung diese Bilanz zu eröffnen ?
Diese Frage gestellt und beantwortet zu haben ist das Verdienst der vorliegenden Studie: Was bei der Ratte durch Alkoholkonsum biochemisch ausgelöst und welches Verhalten induziert wird, das wissen wir nun schon ganz gut. Wohin die Erkenntnisse letztendlich führen, das bleibt nach all den Tierexperimenten vage. Ein Beleg für eine Verbesserung der medikamentösen Therapie in den letzten zehn Jahren ist jedenfalls nicht zu finden. Es ist auch nicht zu erwarten, dass sich daran in naher Zukunft etwas ändern wird.
So ist das Ergebnis der tierexperimentell gestützten Alkoholforschung ernüchternd, wenn auch nicht im Wortsinne !
Angesichts der vielfältigen psychosozialen Ursachen für das Entstehen des Alkoholismus wird man an einer zeit- und kostenaufwendigen sozialen und psychologischen Betreuung des Kranken nicht vorbei kommen, jedenfalls nicht, wenn man ihm helfen will. Diese Hilfe muß wieder in das Zentrum einer humanen, patientenorientierten Therapie gestellt werden. Forschungsgelder, die noch immer reichlich in die tierexperimentelle Forschung fließen, könnten hier einen besseren Zweck erfüllen.
Gerald Hübner
langjähriges Mitglied der Tierversuchskommission in Berlin